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Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Landtag



Der Präsident des Thüringer Landtags, Christian Carius und der Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Bodo Ramelow, eröffneten heute im Thüringer Landtag die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Als Ehrengäste nahmen  an der Gedenkstunde auch Überlebende der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora teil. Ehrengäste waren Eva Pusztai, Bertrand Herz, Günter Pappenheim, Kurt Pappenheim, Heinrich Rotmensch und Pavel Kohn. An der Veranstaltung nahm auch der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora, Dominique Durand, teil. Um14:00 Uhr fand eine Kranzniederlegung in Buchenwald statt, an der auch der Landtagspräsident Carius teilgenommen hat.

Impressionen der Veranstaltung

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© Thüringer Landtag

Gedenkstunde im Thüringer Landtag

  • Foto: Volker Hielscher
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Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Buchenwald

  • Kranzniederlegung zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte Buchenwald

Ordensverleihung an Buchenwald-Überlebenden Günter Pappenheim

  • Buchenwald-Überlebender Günter Pappenheim wurde am 27.  Januar 2017 im Erfurter Radisson Hotel durch den französischen Botschafter S.E. Marc Etienne zum Kommandeur im Nationalorden der Ehrenlegion ernannt.
    Buchenwald-Überlebender Günter Pappenheim wurde am 27. Januar 2017 im Erfurter Radisson Hotel durch den französischen Botschafter S.E. Marc Etienne zum Kommandeur im Nationalorden der Ehrenlegion ernannt.
  • Landtagspräsident Christian Carius gratuliert Günter Pappenheim nach dessen Ernennung.
    Landtagspräsident Christian Carius gratuliert Günter Pappenheim nach dessen Ernennung.
  • Präsident Carius im Gespräch mit Botschafter S.E. Marc Etienne
    Präsident Carius im Gespräch mit Botschafter S.E. Marc Etienne
  • Ehepaar Pappenheim nach der Ordensverleihung
    Ehepaar Pappenheim nach der Ordensverleihung

Nachfolgend dokumentieren wir die redaktionell überarbeitete Rede des Thüringer Landtagspräsidenten.
Es gilt das gesprochene Wort.

„Wir gedenken heute der Millionen Menschen, denen durch den Holocaust und die nationalsozialistische Gewaltherrschaft ihr Besitz, ihre Heimat, ihre Rechte, ihre Würde, ihr Leben genommen wurden: der ermordeten Juden Europas, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen Verschleppten, der Zwangsarbeiter, der politischen Gefangenen, der Homosexuellen, der Kranken und der Menschen mit Behinderungen. Wir verneigen uns vor den Toten und nehmen Anteil am tiefen und unendlichen Schmerz der Überlebenden.

Ich darf Sie bitten, sich für einen Moment des stillen Gedenkens von Ihren Plätzen zu erheben!

„Ohne Erinnerung gibt es weder (eine) Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.“

Mit diesen Worten hat der damalige und vor wenigen Tagen verstorbene Bundespräsident Roman Herzog im Januar 1996 in seiner Ansprache vor dem Deutschen Bundestag den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt, zu einem Tag, der uns dabei helfen soll, die Erinnerung an die furchtbaren Verbrechen des nationalsozialistischen Unrechtsregimes und seiner Folgen wach zu halten und an kommende Generationen weiterzugeben.

Ich empfinde eine große Genugtuung und Dankbarkeit Sie aus allen Teilen unserer Gesellschaft zu dieser Gedenkstunde begrüßen zu dürfen.

Ganz besonders und zuerst begrüße ich alle heute hier anwesenden Überlebenden. Frau Eva Pusztai, die uns im vergangenen Jahr mit ihrer beeindruckenden Tanzaufführung in der Erfurter Schotte Anteil nehmen lassen hat an ihrem Leben und Leiden während des Holocausts. Ich begrüße Bertrand Herz, den Ehrenpräsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, der als Jugendlicher in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde und dort Zwangsarbeit leisten musste.

Ein herzliches Willkommen auch Günter Pappenheim, der am heutigen Abend vom Botschafter der Französischen Republik zum Kommandeur im Nationalorden der Ehrenlegion ernannt wird. Herzlichen Glückwunsch!

Mit Ihnen begrüße ich ganz herzlich auch Ihren Bruder, Herrn Kurt Pappenheim. Ganz besonders freue ich mich, das erste Mal im Thüringer Landtag  Herrn Heinrich Rotmensch begrüßen zu dürfen. Ebenso herzlich heiße ich Herrn Pavel Kohn willkommen. Ihre Ausführungen über das von Ihnen Erlebte in dieser Gedenkstunde vor zwei Jahren haben mich tief beeindruckt und gehen mir noch immer nahe.

Sie alle haben unsere Einladung angenommen und sich bereit erklärt, uns im Rahmen einer Gesprächsrunde an Ihren Erinnerungen teilhaben zu lassen. Dafür danke ich Ihnen bereits jetzt im Namen der hier Versammelten und auch ganz persönlich sehr herzlich. Ihre Anwesenheit ist für uns, den Thüringer Landtag, für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, für ganz Thüringen eine große Ehre.

Ich begrüße den Ministerpräsidenten des Freistaats Thüringen Bodo Ramelow. Ich danke Ihnen, dass Sie heute ebenfalls zu uns sprechen werden.

Ein herzliches Willkommen gilt dem Präsidenten des Thüringer Verfassungsgerichtshofs, Herrn Professor Aschke.

Ich begrüße die Vizepräsidenten des Thüringer Landtags, Frau Jung und Herrn Höhn, ebenso die Fraktionsvorsitzenden, Herrn Mohring, Frau Hennig-Wellsow, Herrn Hey, Herrn Adams und für die AfD Herrn Brandner sowie alle Abgeordneten des Thüringer Landtags.

Ein herzliches Willkommen dem Präsidenten des Thüringer Rechnungshofes, den Vertretern der Landkreise und Kommunen sowie unseren Gäste von der Bundeswehr und den Vertretern des diplomatischen und konsularischen Corps, ganz besonders die Botschafterin der Schweiz, Ihre Exzellenz Frau Botschafterin Christiane Schraner Burgner.

Begrüßen möchte ich den Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde, Herrn Professor Schramm, den Bischof des Bistums Erfurt, Herrn Dr. Neymeyr, sowie die Vertreter der evangelischen Kirche.

Auch unseren Gästen aus der Justiz und Verwaltung, der Wirtschaft und Wissenschaft, der Kultur und den Medien sowie den Verbänden und Gewerkschaften ein herzliches Willkommen.

Außerdem begrüße ich den Präsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Herrn Dominique Durand, sowie die Generalsekretärin Frau Agnes Triebel, die die Moderation der Gesprächsrunde übernehmen wird.

Und ganz besonders freue ich mich, dass heute über 50 Schülerinnen und Schüler von der Regelschule aus Schleiz unter uns sind. Auch Euch heiße ich herzlich willkommen und Sie alle, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Seit über 20 Jahren halten wir an diesem 27. Januar inne, dem Tag, an dem das Konzentrationslager Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit wurde. Die Bilder der Befreiung, des schrecklichen Leids, erfüllen uns mit tiefer Trauer und unendlicher Scham. Was Befreier und Überlebende vorfanden, übersteigt jedes Maß menschlichen Vorstellungsvermögens. Hungernde, kranke und sterbende Menschen in zerlumpter Häftlingskleidung, leblose Körper, ihrer Würde beraubt, Berge von Leichen, nichts ist vorstellbar, was fürchterlicher sein könnte. Auch die Zahl der Opfer ist und bleibt bis heute für uns eine unfassbare Größe.

Das Gedenken an dieses unvorstellbare Menschheitsverbrechen ist kein totes Ritual, keine leere Pflichtübung. Das Gedenken ist zu allererst Ausdruck unserer tiefen Trauer um die Opfer. Es ist ein Zeichen unseres Mitgefühls gegenüber ihren Angehörigen. Es ist ein Zeichen des tiefempfundenen Respekts gegenüber den Überlebenden, die unter den erlittenen Qualen noch heute leiden.

Wir können das Leid von Millionen Menschen nicht ungeschehen machen. Wir können ihnen ihr Leben und die verlorenen Jahre nicht zurückgeben. Und natürlich sind wir Nachgeborenen für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes nicht verantwortlich, für den Umgang mit diesem Teil der deutschen Geschichte aber schon.

Erinnerung schafft Orientierung. Sie hilft uns, Gefahren für Recht und Freiheit zu erkennen. Roman Herzog formuliert dies in seiner eingangs zitierten Ansprache wie folgt:

„Wer Unfreiheit und Willkür kennt, der weiß Freiheit und Recht zu schätzen. Die Selbstverständlichkeit aber, mit der unser Volk Freiheit und Recht erleben darf, vermittelt mitunter zu wenig Gespür für die Gefahren von Willkür und Unfreiheit.“

Wenn wir uns einmal gedanklich von diesen Selbstverständlichkeiten, wie Freiheit, Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit, lösen, können wir uns ausmalen, in welcher Gesellschaft wir dann leben würden? Die systematische Beseitigung dieser und vieler weiterer Rechte war eine der Grundbedingungen mit denen die Nationalsozialisten das deutsche Volk in eine angeblich verheißungsvolle Zukunft führen wollten. Stattdessen folgten Vertreibung, Unterdrückung, Terror und Krieg und am Ende stand der totale Zivilisationsbruch – der Holocaust, die Shoah.

Die Erinnerung an den Holocaust und die fürchterlichen Verbrechen des Nationalsozialismus haben kein Ablaufdatum. Einen Schlussstrich oder eine Wende in unserer Erinnerungskultur kann und darf es nicht geben. Dies sieht auch die überwiegende Mehrheit der Menschen in unserem Land so. Das entnehme ich den zahlreichen Zuschriften der vergangenen Tage, Umfragen, Leserbriefen und Äußerungen in den sozialen Netzwerken.

Wir alle wissen, dass der Kreis derer, die aus eigenem Erleben aus dieser Zeit berichten können immer kleiner wird. Je weniger Überlebende es gibt, die uns ihre Geschichte erzählen können, desto schwieriger wird es für uns werden, einen unmittelbaren Zugang zu diesem Teil unserer Geschichte zu bekommen. Wir stehen heute vor der großen Aufgabe, dass Zeugnis der Zeugen zu sichern, um es an nachfolgende Generationen weitergeben zu können. Hierbei kommt den authentischen Gedenkorten, wie Auschwitz und Buchenwald, aber auch den vielen Gedenkstätten, wie dem Holocaust-Mahnmal in Berlin, eine besondere Bedeutung zu.

Und auch wenn nachfolgende Generationen neue Formen des Erinnerns und Gedenkens finden und ihren eigenen Zugang beim Umgang mit diesem schrecklichen Teil der deutschen Geschichte entwickeln werden, so steht eines fest: es gibt weder heute noch in Zukunft eine deutsche Identität ohne den Holocaust. Er gehört ebenso zur Geschichte unseres Landes wie die vielen positiven Errungenschaften auf die wir Deutschen stolz sein können.

Unsere jüngere Geschichte hat gezeigt, dass wir die notwendige Kraft für Neuanfänge immer auch aus der Aufarbeitung unserer eigenen Vergangenheit geschöpft haben. Das gilt für die Zeit des Nationalsozialismus ebenso wie für die Zeit der deutschen Teilung. Und vieles von dem was unser Land ausmacht, hat ganz unmittelbar mit dieser Aufarbeitung zu tun. Denken Sie an die Aussöhnung mit unseren Nachbarn, unser enges Verhältnis zum Staat Israel und unser Bemühen um die Europäische Einigung. Dies alles wäre nicht erfolgreich gewesen, ohne unsere Form der Erinnerungskultur und dem Bekenntnis zur deutschen Schuld. Dieses Bekenntnis hat uns Deutschen in Europa und der Welt Anerkennung und Respekt verschafft. Und es zeigt, dass unser Umgang gerade mit diesen schmerzhaften Erinnerungen eine wichtige Voraussetzung hierfür ist. Wer dies in Frage stellt, dem mangelt es nicht nur an Respekt gegenüber den Opfern, er beraubt uns eines Teils unserer Identität und er gefährdet damit das positive Bild unseres Landes bei unseren Partnern und Freunden.

Dass Erinnerung nicht nur schmerzhaft ist, sondern auch tröstlich sein kann, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es auch in Deutschland Menschen gab, die unter Einsatz ihres Lebens verfolgte Mitbürger und deren Angehörige vor dem sicheren Tot retteten.

Dieser Menschen wird in der zentralen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gedacht. Sie werden heute als die „Gerechten unter den Völkern“ bezeichnet. Unter ihnen sind auch 587 Deutsche, darunter auch einige Thüringer.

Dazu gehört die Geschichte von Käthe Hausschild aus Meiningen, die eine jüdische Familie mit Lebensmitteln und alltäglichen Dingen versorgte und bei sich versteckte. Dazu gehört die Geschichte von Elly Möller aus Weimar, die zwei jüdische Kinder aus Berlin in ihrem Gartenhaus unterbrachte und versorgte. Dazu gehört auch die Geschichte des Postbeamten Josef Maciejok, der mit seiner Familie in der Nähe von Weimar wohnte und den geflohenen, tuberkulosekranken Buchenwald-Häftling Oskar Eißland bei sich aufnahm und bis Kriegsende pflegte.

Diese Geschichten zeugen von Mitgefühl und Menschlichkeit in der schrecklichsten Zeit unserer deutschen Geschichte. Sie zeigen, dass es auch in dieser Zeit Menschen in Deutschland gab, die in dem Mensch den Mensch sahen.

Wir leben in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wir beobachten eine zunehmende Rückbesinnung auf die eigene nationale Geschichte, Traditionen, kulturelle und religiöse Prägungen. Eine solche Orientierung kann helfen, die eigene Identität zu finden und sich seines Standpunktes in der Gesellschaft zu versichern. Aber dort, wo solche Entwicklungen zu Ablehnung und Abwehr jeglicher Andersartigkeit führen, werden sie zu einer Gefahr für das friedliche Zusammenleben in der Welt. Das ist der Fall, wenn die allgemein und universell geltenden Menschenrechte unter Anlegung eigener und willkürlicher Maßstäbe uminterpretiert und verwässert werden. Wir erleben dies, wenn die Meinungs- und Pressefreiheit, die Freiheit des religiösen Bekenntnisses und die Unverletzlichkeit der menschlichen Würde zur Absicherung und Legitimierung des eigenen Machtanspruches zur Disposition gestellt werden. Dies geschieht nicht nur weit weg, sondern vor unserer eigenen Haustür. Denken Sie beispielsweise an die aktuellen Entwicklungen in der Türkei aber auch in Russland.

Als gelernter Historiker weiß ich, dass es nicht einfach ist, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Die Instrumente und Methoden, die uns dafür zur Verfügung stehen, führen oft nicht zu der einen richtigen Erkenntnis. Die zentrale Erkenntnis des Holocaust ist aber, dass das unfassbare Realität werden kann, wenn grundlegende Menschenrechte nicht geachtet, nicht angewandt und nicht verteidigt werden. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte war nicht nur eine Antwort, sie ist die zentrale Erkenntnis aus den Schrecken des Holocausts. Es war die erste weltweite Erklärung dessen, was für uns heute selbstverständlich ist: die angeborene Würde und Gleichheit aller Menschen. Die allgemeinen Menschenrechte gelten aber nicht nur in Deutschland, Europa und Amerika, sondern weltweit. Diesen Anspruch gilt es zu verteidigen, gegen all jene, die meinen, die Menschenrechte seien als eine Errungenschaft des transatlantischen Westens auch in ihrer Geltung nur auf diesen Teil der Welt beschränkt.

Wir haben heute einmal mehr die Gelegenheit mit Zeitzeugen und Überlebenden der furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus ins Gespräch zu kommen.

Ich lade Sie alle herzlich ein, sich an der Gesprächsrunde mit Ihren Fragen und Anmerkungen zu beteiligen.

Zunächst darf ich jedoch Herrn Ministerpräsidenten Ramelow bitten, ebenfalls einige Worte an uns zu richten.“

Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Buchenwald
Carius: Erinnerungskultur ist Staatsräson
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